In Bosnien und Herzegowina finden am Sonntag Wahlen zum Parlament, dem dreiköpfigen Staatspräsidium und den Regionalregierungen statt. Zum ersten Mal werden bei den Wahlen biometrische Identifikationsverfahren und elektronische Stimmzettel eingesetzt, um Manipulationen zu erschweren. Die Nichtregierungsorganisation Pod Lupom hat in Sarajevo ein simuliertes Wahllokal eingerichtet, um Wähler mit der neuen Technik vertraut zu machen. Laut einer Umfrage von Pod Lupom begrüßen 86 Prozent der Befragten die Einführung neuer Technologien, da es in der Vergangenheit häufig zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist, darunter die Abgabe von Stimmen im Namen verstorbener Wähler. Politologin Tanja Topic von der Friedrich-Ebert-Stiftung bezeichnet die neue Technik als einen wichtigen Schritt zur Bekämpfung von Korruption und Wahlbetrug, erwartet aber weiterhin ungültige Stimmen.
Die Stimmung in der Bevölkerung ist jedoch getrübt, viele Bürger zeigen sich erschöpft von der Politik und bezweifeln einen echten Wandel. Die regierende "Troika" konnte die hohen Erwartungen der Bevölkerung nicht erfüllen, was die SDA, die sich als einzige Kraft präsentiert, die die staatliche Souveränität verteidigen kann, für sich nutzt. Die komplexe politische Struktur des Landes, die auf das Friedensabkommen von Dayton von 1995 zurückgeht, erschwert die Regierungsbildung, da die Macht auf die beiden Entitäten Republika Srpska und Föderation Bosnien und Herzegowina aufgeteilt ist. Insgesamt sind über 7.000 Kandidaten für 518 Mandate und Ämter registriert. Ein 18-jähriger Schüler aus Sarajevo äußerte, dass er das komplizierte politische System seines Landes kaum versteht.
Die Berichterstattung variiert zwischen der Betonung der technologischen Fortschritte und der Skepsis hinsichtlich der politischen Veränderungen. Linke Medien konzentrieren sich auf die Erschöpfung der Bevölkerung und die politische Lähmung, während rechtsgerichtete Medien die Bedeutung der Verteidigung der staatlichen Souveränität hervorheben. Es bleibt abzuwarten, ob die neue Technologie tatsächlich zu saubereren und transparenteren Wahlen führen wird und ob die politische Landschaft des Landes sich grundlegend verändern wird.
Unsere Einschätzung ist, dass diese Wahlen nicht nur eine technologische Neuerung darstellen, sondern auch ein Spiegelbild tiefer politischer Erschöpfung und Skepsis in der bosnischen Bevölkerung sind. Die Einführung biometrischer Verfahren und elektronischer Stimmzettel wird zwar als wichtiger Schritt zur Bekämpfung von Wahlbetrug begrüßt, doch die zugrunde liegende politische Lähmung und das Misstrauen in die Regierung bleiben bestehen. Es scheint, als ob die technologischen Verbesserungen allein nicht ausreichen werden, um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen oder eine grundlegende Veränderung der politischen Landschaft zu bewirken.
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